Sobald Opfer im Spiel sind, ist es nie eine persönliche Entscheidung!

April 09, 2017  •  Kommentar schreiben

Heute möchten wir an dieser Stelle einen Gastbeitrag posten, der besser nicht hätte geschrieben werden können. Und zwar, weil er wichtig ist.

Das Original ist im Blog von Carsten Winter´s Wintersonnenblende erschienen. Wir möchten alle Leser einladen, diesen Text bis zum Ende durchzulesen.

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.



Sobald Opfer im Spiel sind, ist es nie eine persönliche Entscheidung!

Dies ist mein erster Blogeintrag zum Thema Veganismus. Passt im ersten Moment nicht wirklich zu meinem Hauptthema, dem Fotografieren und alles was so dazu gehört. Jedoch ist es für mich nicht nur eine verdammt wichtige Sache, sondern eine Lebenseinstellung geworden. Daher bedeutet es mir auch sehr viel, mich diesbezüglich hier mitteilen zu können. Und los gehts:

Das Problem der Fleischesser mit Veganern ist im Grunde, dass sie sich mit Veganismus nie wirklich auseinander gesetzt haben, sondern es schlichtweg verdrängen, wie die tierischen Produkte auf ihren Teller gelangen, um diese weiterhin sorgenfrei und ohne schlechtes Gewissen zu konsumieren.

Kommen sie dann doch einmal mit einem Veganer in Kontakt, sind sie dennoch plötzlich Ernährungsspezialisten. Soja ist ungesund und genmanipuliert, diese veganen Produkte machen alle nur Fleisch nach, somit sind alle Veganer nur scheinheilige Möchtegern-Fleischesser. Dieses vegane Zeug ist total künstlich und voller Chemie hergestellt und kann daher nicht gesund sein.

Außerdem ist diese vegane Ernährung gefährlich, weil man Mangelerscheinungen bekommt, öfter krank wird und ständig blass aussieht.

Letztendlich ist die vegane Küche auch total kompliziert, weil man ja nie weiss, was man da überhaupt noch essen kann.

Zusammen gefasst: Fleischesser haben meist keine Ahnung, was es heißt, vegan zu leben.

Dies ist prinzipiell nicht schlimm. Als ich noch Fleisch gegessen habe, hatte ich mich auch noch nicht für Veganismus interessiert und somit auch keine Alternativen gekannt, die man stattdessen konsumieren könnte.

Doch durch den Kontakt mit Veganern und Vegetariern habe ich mich dem Thema sachte angenähert und bin zunächst Vegetarier geworden, bevor ich mich später für den Veganismus entschied.

Durch die bewusste Einschränkung, auf Fleisch zu verzichten, hatte ich begonnen, mich nach Alternativen umzuschauen, bin auf neue Rezepte aufmerksam geworden und mit der Zeit wurde es für mich ebenso selbstverständlich, vegetarisch zu kochen, wie es dem großen Teil der Bevölkerung bei der Zubereitung von Fleisch ging.

Schon damals hörte ich öfter den Spruch „Käse ist Folter, Fleisch ist Mord“. Allerdings hatte ich seinerzeit noch nicht die Notwendigkeit gesehen, vollständig auf tierische Produkte zu verzichten. Wohl deswegen, weil ich es verdrängt hatte und es einfach zu lecker und bequem war, weiterhin Käse zu essen. Dieser ach so leckere Käse – wie kann man überhaupt freiwillig darauf verzichten wollen?

Die Antwort darauf ist die gleiche, wie bei der Frage ob des Fleischverzichts. Auch für die Produktion von Milch und dessen Erzeugnisse müssen die Tiere leiden. Dauerschwangere Kühe, denen stets die Kälber weggenommen werden und hochgezüchtete Euter, die ein vielfaches der natürlich produzierten Menge an Milch hervorbringen, sind schlecht für das Gewissen. Ebenso Legebatterien, deren enger Raum mit Hühnern bestückt ist, die ein vielfaches der natürlichen Menge an Eiern legt und denen Kalzium zugeführt werden muss, damit die Produktion nicht still steht, weil ihr eigenes Knochenskelett ausgelaugt wird.

Das hat alles nichts mehr mit bewusstem Genuss und verantwortungsvollem Umgang mit tierischen Ressourcen zu tun. Dies ist einfach nur noch Ausbeutung von Tieren – ohne Rücksicht auf deren Leid und Schmerz – nur für den eigenen, egoistischen Genuss. Ein Ergebnis purer Faulheit bei der Suche nach tierleidfreien Alternativen. Die Bequemlichkeit der Menschen ist hierbei der größte Feind der Veränderung.

Die Tierindustrie bleibt dabei natürlich nicht untätig und haut zusätzlich in die Kerbe. „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“, „So wichtig wie ein kleines Steak“, „Die Milch macht’s“.

Eingängige Slogans trichtern dem braven Konsumenten ein, es sei richtig und wichtig, was er so macht. Es bedarf keiner Veränderung.

Dabei haben die Menschen den Bezug zum Tier vollständig verloren. Warum zeigen wir unserem Nachwuchs bedenkenlos Felder mit Pflanzen und gehen zum Beispiel mit ihnen Erdbeeren pflücken? Wieso hält sich die Zahl der Eltern wohl in Grenzen, die zu ihren Kindern sagen „komm, wir besuchen heute mal einen Schlachthof oder eine Hühnerfarm“?

Weswegen wird in der Werbung immer die Kuh auf der grünen Weide oder das im Dreck scharrende Huhn gezeigt und kein industriell geführtes Unternehmen mit Käfighaltung oder dichtgedrängten Tieren im Stall? Warum gibt es den Spruch „von glücklichen Hühnern“, wenn man nie erfährt, wo wohl die glücklichen Hähne geblieben sind?

Als Veganer ist man natürlich extrem. Gelegentlich auch extrem unbeliebt, weil man den Fleischessern plötzlich vor Augen führt, dass man sich bewusst für eine andere Lebensweise entschieden hat. Man ist ein personifiziertes schlechtes Gewissen und bekommt unterstellt, dass man sich für etwas Besseres hält.

Ich halte mich nicht für etwas Besseres, nur weil ich auf Tierprodukte verzichte. Ich will nicht besser sein, als meine Mitmenschen. Im Gegenteil. Tatsächlich würde es mich freuen, wenn möglichst viele in meinem Umfeld ebenso anfangen würden, ihre Lebensweise umzustellen und es noch besser hinbekämen, als ich, so dass ich noch was von ihnen lernen könnte.

Man darf nicht vergessen, dass Veganer das nicht nur für sich selbst machen, sondern für die Tiere. Natürlich fühlt man sich selbst besser, wenn man seine Entscheidung getroffen hat und somit nicht mehr mit dem schlechten Gewissen leben muss, tierische Erzeugnisse zu konsumieren. Natürlich waren die lecker – aber genießen konnte ich sie nicht mehr, weil ich die ganze Zeit dabei im Hinterkopf hatte, unter welchen Umständen diese Produkte auf meinen Teller gelangt sind.

Interessanterweise wurde für mich der Gedanke, jemals tierische Produkte gegessen zu haben, im Laufe der Zeit auch immer absurder. Da wird sich darüber aufgeregt, dass Soja genmanipuliert sei – dabei ist dieses genmanipulierte Soja lediglich als Futtermittel für Tiere zugelassen und das für Menschen gesetzlich bestimmt genmanipulationsfrei.

Da wird darüber sinniert, wie viel komische Zusatzstoffe in veganer Fertignahrung enthalten sind, ungeachtet dessen, dass die Zahl der Zusatzstoffe in tierischer Fertignahrung oft noch viel größer ist.

Es wird einem eingeredet, dass man ja gar nicht wisse, was da noch so alles drin steckt in diesen veganen Würsten – und dabei völlig außer acht lässt, dass bei den tierischen Erzeugnissen die Mengen an Blut, Eiter und Kot nicht deklariert werden müssen.

Warum wird seitens der Veganer überhaupt immer Fleisch nachgemacht? Das ist doch scheinheilig – oder etwa nicht?

Anders gefragt: Wenn etwas gut schmeckt, was aus Tier gemacht ist und man die Möglichkeit hat, dieses auch ohne Tier völlig leidfrei herzustellen, was ist so falsch daran?

Hat Fleisch denn schon immer ausgesehen wie ein Schnitzel oder eine Wurst? Nein – es wurde aus dem Körper eines Tieres geschnitten, bzw. mit weiteren Zutaten „verwurstet“ und dann im eigenen Darm serviert. Klingt auch nicht wirklich schön und nur wenige Menschen würden es essen, wenn sie es selbst herstellen müssten.

Dies ist auch der Grund, warum so viele Personen ihr anonymisiertes Stück Fleisch im Supermarkt einkaufen und nicht selbst schlachten. Sie könnten es nicht und es ist so viel beruhigender, einen Auftragsmörder zu engagieren, als sich selbst dieser unschönen Aufgabe zu widmen.

Okay, Auftragsmörder klingt jetzt ziemlich reisserisch – aber im Grunde genommen ist es doch so. Man bezahlt Geld dafür, dass andere für einen die Tiere unter lebensunwürdigen Bedingungen kostengünstig aufziehen, töten und verarbeiten. Man erteilt beim Kauf dieser Ware dem Hersteller die Legitimation, damit weiter zu machen. Die Nachfrage bestimmt das Angebot.

Somit wäre auch ein weiteres Argument ausgehebelt, nämlich dass wenn alle auf einmal zu dem Entschluss kommen, mit dem Fleischessen aufzuhören, wohin dann mit all den Tieren?

Mal davon abgesehen, wie unrealistisch diese Vorstellung wäre, dass plötzlich alle Menschen zur gleichen Zeit diesen Einfall hätten und es tatsächlich auch durchziehen würden, so logisch ist auch die Konsequenz daraus. Je geringer die Nachfrage ist, desto weniger wird nachproduziert. Ganz einfach.

Wer jetzt argumentiert, dass dann ja alle aus der Fleischindustrie plötzlich arbeitslos wären, dem sei gesagt, dass die Menschen ja nicht einfach aufhören, etwas zu essen. Nein, sie steigen dann ja proportional auf pflanzliche Kost um und diese will ja auch irgendwie produziert werden. Somit werden auch Arbeitsplätze geschaffen.

Kommen wir zurück auf die Frage, wie denn nun vegane Produkte aussehen dürfen. Besser gefragt: wer entscheidet, wie ein veganes Produkt aussehen darf?

Meistens der Konsument, denn er kauft das, was er gerne haben möchte. Stelle ich demnach ein sternförmiges Tofugebilde her, welches beim Braten bereits auseinander fällt, weil es einfach nur unpraktisch in der Form ist, dann kauft es spätestens beim zweiten Mal keiner.

Würstchen, Schnitzel und sonstige Bratlingsformen sind einfach nur praktisch. „Form follows fuction“, wie es so schön heißt.

Nicht zuletzt dürfen wir auch nicht die vielen verzweifelten Mütter vergessen, die im Supermarkt stehen und „Würstchen ohne Fleisch“ verlangen, weil sie Angst haben, dass ihr vegan lebendes Kind bei der nächsten Familiengrillparty verhungern könnte. Oft sind es gerade die Fleischesser, die bewusst Ausschau nach Pseudo-Produkten halten, weil sie es nicht anders kennen. Eine völlig natürliche Entscheidung, denn man hält sich oft an dem fest, was man bereits kennt.

Außerdem ist es einfacher, nach veganen Würstchen zu fragen als nach einem Lupinenerzeugnis in Stäbchenform. Man muss es doch nicht unnötig verkomplizieren.

Die Fleischindustrie hat dies auch bereits erkannt und Gegenmaßnahmen ergriffen. Mal davon abgesehen, dass renommierte Fleischhersteller mittlerweile vegetarisch oder vegane Alternativen in ihrem Sortiment anbieten, wird nun darüber diskutiert, ob es gesetzlich erlaubt sei, pflanzliche Drinks als Milch bezeichnen zu dürfen oder tierfreie Wurst wirklich als Wurst oder Vurst zu betiteln. Die Industrie sieht sich gefährdet und nutzt ihren Einfluss in der Politik, um Änderungen zu erschweren.

Haben diese Menschen wirklich Angst davor, dass der unmündige Konsument sich getäuscht sehen könnte und versehentlich etwas veganes kauft, was er eigentlich gar nicht wollte oder geht es hier lediglich um die Festigung althergebrachter Strukturen, die nicht unterwandert werden sollen? Sind wir nicht mündige Bürger, die selbst darüber entscheiden dürfen, wie wir etwas nennen? Kann man es denn nicht tolerieren, dass es neben Kuhmilch, Ziegenmilch, etc. auch noch Sojamilch, Hafermilch und Reismilch gibt?

Wenn wir eine Rose anschneiden und die weiße Flüssigkeit aus dem Stengel quillt, wird es doch auch gerne Milch genannt – nur dass man diese nicht trinkt.

Toleranz wird leider immer nur von den Veganern gefordert.

„Toleriere bitte, dass ich Fleisch esse, ich akzeptiere ja auch, dass du Veganer bist“. Diesen Satz höre ich leider viel zu oft. Es stimmt schon, dass ich ich von anderen erwarte, dass sie meine persönliche Entscheidung vegan zu leben, tolerieren. Doch umgedreht ist dies weitaus schwieriger, denn sobald Opfer im Spiel sind, ist es nie eine persönliche Entscheidung. Womit ich die Überschrift endlich angesprochen hätte.

Vereinfacht ausgedrückt: Fleischesser essen Fleisch und Pflanzen. Veganer essen nur noch Pflanzen. Somit ist es für Fleischesser leicht, die Aufnahme pflanzlicher Nahrung in ihrer Gegenwart zu akzeptieren. Umgedreht sieht sich der Veganer mit dem Konsum von Fleisch konfrontiert. Fleisch von Tieren, die selbst keine Lobby haben und sich nicht dagegen wehren können, konsumiert zu werden. Wenn somit nicht der Veganer dagegen spricht, wer täte es dann?

Und schon wird man umbequem. Da haben wir das Dilemma. Veganer wollen einem immer ihre Meinung aufzwingen, können selten Ruhe geben und sind der Meinung, dass sie die besseren Menschen seien. Wirklich schlimm, wenn Menschen das Leid anderer Lebewesen so sehr am Herzen liegt, dass sie nicht mehr darüber schweigen können. Ironie aus.

Mal davon abgesehen, dass ich öfter von Fleischessern provokativ höre, wie lecker doch ihr Fleisch sei, dass ich es unbedingt probieren sollte, dass ich gar nicht wüsste, worauf ich da verzichte und ich doch bitte endlich mal zu leben anfangen soll, so habe ich schließlich in der Vergangenheit nicht vegan gelebt und bin irgendwann zu dieser Entscheidung gekommen. Mir ist demnach durchaus bewusst, was ich hier mache – wahrscheinlich sogar bewusster, als den Allesessern.

Ebenso ist den meisten Fleischessern nicht bewusst, dass man als Veganer ohne Unterlass mit Fleischkonsum bombardiert wird. Die Werbung ist voll davon und selbst in scheinbar veganen Lebensmitteln ist oft genug irgendwo fast am Ende der Zutatenliste dieses böse Milchpulver versteckt, bei dem man sich stets fragt, ob man es nicht einfach hätte weglassen können. Es fühlt sich fast schon wie Schikane an. „Oh verdammt, wir haben da was Veganes hergestellt. Schnell – packt ein bisschen Milchpulver rein!“.

Sehr frustrierend – doch dieser Frust vereint auch ein bisschen. Die Veganer unter meinen Lesern wissen bestimmt, was ich meine. Wir machen trotzdem weiter.

Übrigens: ich habe beschlossen, diesen Text auszudrucken und stets bei mir zu führen. Menschen, die gerne eine vegane Grundsatzdiskussion mit mir beginnen wollen, drücke ich dann diesen Zettel in die Hand. Wer wirklich interessiert ist, wird ihn lesen. Die, die ihn ablehnen oder entsorgen, wollten sowieso nie diskutieren, sondern lediglich ihre Meinung darüber kundtun, warum dieses „Veganismus“ in ihren Augen falsch ist. Somit spare ich Zeit.

Allen, die sich tatsächlich die Zeit genommen haben, den kompletten Text zu lesen, spreche ich meinen Dank aus. Egal, ob ihr bereits vegetarisch oder vegan lebt oder vielleicht auch Fleisch esst.

Ihr habt euch mit dem Thema auseinander gesetzt. Beim Veganismus gibt es kein alles oder nichts. Jeder noch so kleine Schritt ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wer nicht vollständig auf den Konsum tierischer Produkte verzichten kann – Bitteschön!

Die Gründe hierfür sind vielfältig und ich bin nicht von der Veganerpolizei. Trotzdem war es irgendwie eine Wohltat, das hier alles mal in Ruhe zusammen fassen zu können. Und diese Liste ist noch lange nicht fertig.

 

Carsten Winter, 12.03.2017
www.wintersonnenblende.de

 


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